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Victoria Coeln

Geboren 1962, lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte Bühnenbild an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Mathematik an der Universität Wien und der Technischen Universität Wien. Bekannt geworden ist Victoria mit ihren ortspezifischen Lichtinterventionen, den Chromotopia, die sie seit 2002 an politisch, archäologisch und kulturhistorisch bedeutenden Orten in aller Welt entwickelt. Seit einigen Jahren konzipiert und realisiert Victoria Coeln multilokale, multidisziplinäre und partizipative Großprojekte, die sich einem übergeordneten Gesamtthema widmen. Den Auftakt machte 2019 das Projekt peaceful revolution, das sie anlässlich 30 Jahre Friedliche Revolution 1989 im Stadtraum und im Museum der bildenden Künste in Leipzig schuf. Seit 2020 ist Victoria Coeln künstlerische Leiterin der jährlich stattfindenden, von ihr entwickelten Wiener Lichtblicke.

Die Raster der Justitia

Fotografie-basierte Rastergrafik, die das Innere des Justizpalast nach Außen überträgt

Obwohl „nur“ aus Licht, überschreiben Raster das Innere und Äußere des Justizpalastes eindrücklich. Victoria Coeln hat diese Lichtgrafiken eigens für den Ort entworfen. Anfangs dachte ich, hier entsteht ein völlig neuer Raum. Auf der visuellen Ebene stimmt das vielleicht. Doch tritt das Inhaltliche in den Vordergrund, so fügen sich Licht, Kunst und Realraum zu einem stimmigen, folgerichtigen Ganzen zusammen.

Was sind Raster? Zunächst ein Werkzeug, das etwas Ganzes in regelmäßige – und damit nachvollziehbare, überschaubare und vorhersehbare – Teile gliedert. Es hilft uns, das Komplexe zu erfassen, eine nachvollziehbare Position anzugeben und vielleicht auch, uns im Bezug dazu zu verorten. Es ist also – eine Art Koordinatensystem, und zwar ein objektives, über-individuelles, berechenbares... Hier sprang bei mir der Funke zum Ort über: Was könnte das komplexe, abstrakte, so viele individuelle Sachverhalte in allgemeingültige Regel subsumierend müssende Recht besser ausdrücken als ein Raster, das sich als Koordinaten- und Navigationssystem über das Gebäude legt? Es verweist auf den objektiven Rahmen des Rechts und seiner Normen, die ohne Ansehen der Person, ihres Geschlechts, sozialen Status oder Herkunft, Handlungen, Sachverhalte und Werte ein- und verortet. Das bietet uns einen verlässlichen Rahmen, in dem wir uns bewegen können und zugleich einen verlässlichen Anker, von dem aus Interpretation und Kreativität möglich wird. Ohne solch eine Grundlage ist Demokratie nicht denkbar. Wir wissen, woran wir sind. In diesem Lichte gesehen, ist es auch folgerichtig, dass die österreichische Justitia ihre Augen öffnet und anstelle der Waage das Buch hält. Eins weitergedacht sind die organischen Lichtlinien, die Victoria Coeln vorzugsweise in weiten Landschaften, Plätzen und an Architektur einsetzt, wie ein Komplementär, ein ergänzender Gegensatz zum geometrischen Raster. Sie stehen für individuelle Seh- und Licht- spuren, die Dinge durch den Blick immer wieder aufs Neue verbinden, neu kontextualisieren und vielleicht auch wieder auflösen. Das eine Rhizom, das andere Raster. Für unser Weltverständnis ist beides nötig. (Heike Sütter - Die sehende Justitia)

Photo Credits: NIPAS / Helmut Prochart / Bildrecht / 2023